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(Muster)-Bekennungs-Schreiben
von Rudolf Augstein an den klassischen
Komponisten Peter Hübner für seine Mitarbeiter
im SPIEGEL
Hamburg,
im Juni 2000
Sehr geehrter Herr Hübner,
um Mißverständnissen
vorzubeugen, möchte ich mich hier persönlich an Sie
wenden und Ihnen einige Erklärungen abgeben.
Zuerst
einmal möchte ich bekennen: ich bin aus vollem Herzen ein
begeisterter Anhänger Ihrer Musik sowie Ihrer musikwissenschaftlichen
Erkenntnisse. Natürlich habe ich die hervorragende Dokumentation
Ihres Verlages gelesen, und Ihre darin gemachten Äußerungen
über die Musik haben mich zutiefst bewegt.
In meinem
Alter sucht man allmählich den Frieden mit sich selbst und
mit der Welt besonders, wenn man sich ein Leben lang herumgeschlagen
und mit allen Seiten im kritischen Streit gelegen hat.
Wie Sie
vielleicht wissen, habe ich nach dem Kriege von den Alliierten
die Zulassung erhalten, unser Nachrichtenmagazin aufzubauen. Die
wesentliche Voraussetzung für die Zulassung durch die Siegermächte
war, wie Sie sich sicherlich denken können, daß ich
ein Nichts war ein Nobody from Nowhere.
Ich hoffe,
daß sich die Alliierten in diesem Punkte in mir getäuscht
haben und es mir dennoch gelungen ist, aus diesem Nachrichtenmagazin
etwas zu machen, auf das ich mit gewissem Stolz blicken kann.
Früher
habe ich immer viel in der Politik bewegen wollen, aber ich muß
heute einsehen, daß sich die ganze politische Entwicklung
wohl auch ohne meinen Beitrag in etwa so vollzogen hätte,
wie sie sich vollzogen hat.
Wie Sie
in Ihrem Buch Natürliches Musik Schaffen zum
Ausdruck bringen, haben alleine Raum und Zeit unvergleichlich
mehr Einfluß auf alle Geschehnisse der Welt als irgendein
Nachrichtenschreiber wie ich es ja nun einmal nur bin.
Glauben
Sie nicht, die Erkenntnis der Ohnmacht würde mich nun traurig
stimmen. In meinem Alter hat diese Einsicht auch eine sehr befreiende
Wirkung, denn Sie enthebt mich der Verantwortung im politischen
Feld, an die ich früher noch so penetrant geglaubt habe.
Dabei
bedauere ich von Tag zu Tag mehr, daß ich mich in dieser
langen Zeit meines aktiven Lebens so ausschließlich den
äußeren nichtigen politischen Verhältnissen und
Nachrichten gewidmet habe das alles gerät ja so schnell
in Vergessenheit und mit ihm die daran beteiligten Personen. Wer
kennt denn heute noch die großen Politiker oder Zeitschriftenherausgeber
meiner eigenen aktivsten Zeit?! Aber auch jene, die nach Art des
politischen Tagesgeschwätzes als Kritiker sicherlich in Masse
über sie berich- tet haben, kennt man nicht mehr.
Die nächste
Generation wird sie alle vergessen haben und mit ihnen auch den
Herausgeber des Spiegels. Dieser Gedanke bereitet mir großen
Kummer.
Dieser
Sturz ins Nichts so völlig aus dem Bewußtsein
der Menschen ausgelöscht zu sein so als hätte
ich überhaupt nicht existiert , bedrängt mich
ungeheuerlich.
Ihnen
gegenüber glaube ich dies bekennen zu können, denn Sie
sind in einer Weise tätig, wo alle diese profanen existentiellen
Überlegungen Sie und Ihr Schaffen nicht tangieren. Sie schaffen
in Ihren musikalischen Werken Meilensteine der Geschichte, an
denen sich noch Generationen der Nachwelt erfreuen. Wo unser Stern
immer mehr zum Untergang verurteilt ist, ist es Ihr Schicksal,
daß Ihr Werk und Ihr Name in der Geschichte einen immer
höheren Platz einnehmen.
Da habe
ich mir gedacht: Rudolf, wenn du willst, daß dein Name der
Nachwelt erhalten bleibt, dann schreibe über diesen klassischen
Komponisten in der entsprechend würdigen Weise.
Daß
dann auch so manches leicht polemisch Gefärbte dabei sein
mußte, dafür möchte ich mich bei Ihnen in aller
Form entschuldigen. Kein Mensch hätte mir ohne diesen negativen
Anhang all das Positive über Sie und Ihr Werk abgenommen,
ohne daß ich Gefahr gelaufen wäre, als Schwärmer
abgetan zu werden und mit mir mein Nachrichtenmagazin.
Insofern
diente das Negative in unmittelbarer Weise der positiven Wahrheit.
Ich glaube
deshalb, von allen, die je über einen lebenden klassischen
Komponisten geschrieben haben, die erste Stelle einzunehmen, oder
können Sie mir irgendeinen Zeitungsschreiber nennen, der
je Besseres über einen lebenden Tonschöpfer veröffentlicht
hat?
Darauf
bin ich stolz und ich glaube, damit in die Geschichte einzugehen.
Die großen klassischen Tonschöpfer kennt man allesamt
in der ganzen Welt. Beinahe jedes Kind kennt Bach, Mozart, Beethoven,
Schubert, Brahms, Wagner, Schumann usw., und man kennt wenigstens
noch teilweise diejenigen, die ihre Bedeutung zu Lebzeiten erkannt
haben und für sie eingetreten sind.
Praktisch
niemand kennt auch alle die Fürsten, Könige oder Politiker
jener Zeiten dieser großen klassischen Tonschöpfer,
und über solche für die Geschichte offenbar bedeutungslosen
Persönlichkeiten zu berichten, war 50 Jahre lang mein armseliges
tägliches Brot.
Deshalb
hatte ich mich kurzerhand entschlossen, die Gelegenheit wahrzunehmen
und mir hier ein Denkmal zu setzen, das die Zeiten hoffentlich
mit Ihnen überdauert.
Ich rechne
mit Ihrem Verständnis mir gegenüber, der ich als großer
Verehrer Ihres Werkes mich ohnehin in Ihrem Schatten sonne. Warum
soll das Licht Ihres Werkes nicht auch in der Geschichte noch
auf mich leuchten?
Wenn die
Adenauers, Kohls, Schröders und wie sie sonst alle heißen
mögen, längst vergessen sind, dann soll mein Name noch
dafür stehen, in meiner Zeit wenigstens etwas Bedeutendes
erkannt zu haben.
Ich glaube,
daß dies all mein Lob gegenüber Ihrer Person keinen
Eindruck auf Sie macht wie sonst sollten Sie in der Lage
sein, solche bedeutenden Werke zu schaffen, die die Seele bewegen
wo ja Worte gerade so die Oberfläche des Denkens berühren.
Aber es
war mir wichtig, Ihnen gegenüber einmal offen meine Gedanken
auszusprechen und Ihr geschätztes Interesse auf meine Person
zu lenken, der ich mich ohne Sie nur darauf vorbereiten müßte,
relativ schnell in Vergessenheit zu geraten.
Insofern
möchte ich auch Ihrem Verlag Aar Edition zutiefst danken,
daß er mein Anliegen verstanden und durch seine Veröf-
fentlichung so gewürdigt hat ein Tatbestand, den ich
auf einige Mitarbeiter meines Nachrichtenmagazins, die Sie möglicherweise
noch mit dummen Schreiben belästigen werden, leider noch
nicht ausdehnen konnte.
Aber wo
die natürliche Intelligenz wirkt, wo die Urkraft der Natur
sich durch einen Tonschöpfer äußert, da soll der
einfache Mann Ehrfurcht haben möchte ich noch in Anlehnung
an Goethe bemerken.
Und meine
Mitarbeiter werden lernen müssen, sich diesem Gedanken, den
ja Goethe in ähnlicher Weise in bezug auf Beethoven äußerte,
schrittweise anzunähern.
So wünsche
ich Ihnen in Ihrem künstlerischen Schaffen auch in
meinem eigenen Interesse weiterhin viel Erfolg, und es
wäre mir eine außerordentliche Ehre, Sie einmal persönlich
zu treffen, so daß dann ich vielleicht auch noch mit einem
gemeinsamen Photo in die Geschichte eingehe und man später
sieht, wie dieser Rudolf Augstein ausgesehen hat, der den großen
Tonschöpfer zu Lebzeiten richtig einzuschätzen wußte.
Wenn Sie
gestatten, würde ich diesen Brief gerne an die Nachrichtenagenturen
versenden, damit später nicht noch behauptet wird, er wäre
frei erfunden.
Mit freundlichen
Grüßen
Rudolf
Augstein
Herausgeber
des deutschen Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL
Geschäftsführer des SPIEGEL-VERLAGS
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